Herz–Hirn-Achse: Neue UMG-Studie identifiziert Blutbiomarker zur Vorhersage des postoperativen Delirs in der Herzchirurgie
Das postoperative Delir (POD) ist eine häufige und schwerwiegende Komplikation nach herzchirurgischen Eingriffen und betrifft mehr als 20 % der Patient*innen. Es ist mit verlängerten Krankenhausaufenthalten, erhöhter Mortalität und langfristigen kognitiven Einschränkungen assoziiert. Eine verlässliche präoperative Risikovorhersage fehlt bislang.
In der prospektiven FINd DElirium RIsk factors (FINDERI) Beobachtungsstudie, veröffentlicht in der renommierten Fachzeitschrift Molecular Psychiatry, zeigen Forschende der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie, der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie der Klinik für Geriatrie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), dass sich das Risiko für ein postoperatives Delir bereits vor der Herzoperation anhand spezifischer Blutbiomarker vorhersagen lässt.
Zusammenspiel von Herz und Gehirn
Die FINDERI Studie untersucht gezielt die sogenannte Herz-Hirn-Achse, also die Interaktionen zwischen Herz und Gehirn. Analysiert wurden präoperative Blutspiegel von
- p-tau181 (Marker für neuronale Schädigung) und
- Interleukin-6 (IL-6) (Marker für systemische Entzündung).
In einer Kohorte von 491 Patient*innen nach kardiochirurgischen Eingriffen zeigte sich, dass erhöhte präoperative Werte dieser Biomarker das Auftreten eines postoperativen Delirs signifikant vorhersagen. Die Vorhersagegenauigkeit verbesserte sich weiter, wenn zusätzlich kognitive Leistungsfähigkeit, Geschlecht und der Schweregrad einer Mitralklappenerkrankung berücksichtigt wurden. Moderne Machine-Learning-Verfahren (u. a. Entscheidungsbäume und LASSO-Regression) bestätigten die klinische Relevanz dieser Faktoren und unterstrichen insbesondere die Bedeutung von p-tau181 als Marker einer präoperativ bestehenden neuronalen Vulnerabilität.
Bedeutung für Klinik und Forschung
Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise darauf, dass neuroinflammatorische Prozesse und neuronale Schädigung gemeinsam zur Entstehung des postoperativen Delirs in der Herzchirurgie beitragen. Damit eröffnet sich die Perspektive, Hochrisikopatient*innen bereits präoperativ zu identifizieren und gezielt präventive Maßnahmen einzuleiten.
Göttingen als Zentrum der Herz-Hirn-Forschung
Die Studie unterstreicht die besondere Rolle der UMG als interdisziplinären Forschungsstandort, an dem Expert*innen aus Herzchirurgie, Kardiologie, Psychosomatik,Psychiatrie, Geriatrie, Neurowissenschaften und Medizinischer Statistik eng zusammenarbeiten. Die FINDERI Studie ist ein Beispiel für erfolgreiche translationale und interdisziplinäre Forschung, die klinische Fragestellungen direkt mit moderner Biomarker- und Datenanalyse verbindet.
Publikation
Hansen N. et al. (2025)
Prediction of postoperative delirium after cardiac surgery by the interplay between preoperative plasma p-tau181 and IL-6 and heart-brain axis related factors
Molecular Psychiatry
DOI: https://doi.org/10.1038/s41380-025-03412-3